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Verfasst am 17.03.2004 18:59:58 Uhr Heul Doch! Part 2
Robert lehnte missmutig an der Bar. Er hatte definitiv genug. Genug vom Alkohol und genug von seinem besten Freund Philip und dessen Schnepfe Jana. Mann, der Typ hatte echt Nerven. Lässt wochenlang nichts mehr von sich hören und kommt dann mit so einer Künstlertante daher. ‚Hallo ich bin die Jana und ich steh total auf Rizzi’, äffte Robert sie in Gedanken nach. Den ganzen Abend hatte er vielleicht zehn Sätze mit Philip wechseln können, den Rest der Zeit hing dieser an den Lippen des rothaarigen Monsters. Was fand Philip nur an dieser pseudo-alternativen Braut. Irgendwie erinnerte ihn Jana an die frühen 90er, als Nirvana und Pearl Jam die Welt eroberten und die Mädels, ganz im Grungelook, anstatt Schminke ins Gesicht, sorgfältig arrangierten Dreck unter den Fingernägeln trugen. ‚Anders’ zu sein, war damals Trend, doch anders als all die Anderen konnte Robert diesem depressiven, verheulten und jammernden Mainstream nichts abgewinnen. Er sah sich selbst als Macher, als handelnden Menschen, den niemand so schnell unterkriegen konnte.
Mit Kunst und Kultur hatte er nichts am Hut. Das war schon eher etwas für Philip, den verträumten Schöngeist, der eigentlich ein verkappter Schriftsteller und Poet war. Journalist zu sein, so viel wusste Robert, war für Philip nur die sicherere Variante, seine Passion zum Beruf zu machen. Etwas anderes als Schreiben passte auch nicht zu Philip. Eines Abends hatte er Robert einmal erklärt, dass der Stift seine ‚Waffe’ sei, die einzige die er habe. Anders als Robert habe er kein ökonomisches Geschick, keine Energie und die Ausdauer mit Menschen zu verhandeln. Er wäre kein Taktiker. Nein, dass einzige was er habe, sei sein wacher Geist und sein Talent, Menschen mittels geschriebener Worte in andere Welten zu versetzen. „Einem Buch widerspricht man nicht“, hatte Philip gesagt. Robert war damals hin- und hergerissen zwischen Ekel und Mitleid ob so eines geringen Selbstwertgefühls.
Jana riss ihn aus seinen Gedanken. „Meinst Du, Du könntest mir noch eine Cola bestellen?“, stand sie plötzlich vor ihm. Robert suchte mit einem Blick die Tanzfläche nach Philip ab, konnte ihn aber nirgends entdecken. „Ne Cola?“, wiederholte Robert dümmlich, „dass Du mir davon ja keinen Rausch bekommst.“ „Den hab’ ich heute Dir überlassen“, konterte sie, „wahrscheinlich gibt es sowieso keinen Tropfen Alkohol mehr, nachdem Du so einen Durst entwickelt hast.“
‚Bingo’, die Antipathie beruhte auf Gegenseitigkeit. Immerhin war sie schlagfertig. Robert drehte sich zu Barkeeper um und orderte eine Cola. Er musste Philip unbedingt dazu bringen, dieses Gör wieder fallen zu lassen. Und er hatte da schon so eine Idee. „Sag mal, wie habt ihr euch eigentlich kennen gelernt, Du und Philip?“ Gespannt wartete Robert, wie Jana auf diese Offerte zu einem etwas netteren Gespräch reagierte. „Wie bitte?“, fragte Jana lauter, neigte sich etwas nach vorne und bewegte die Hand zum Ohr, als ob sie wegen der lauten Musik schlecht verstanden hätte. „Ich wollte fragen, wie ...“ Jana stupste ihn an, um ihm zu zeigen, dass der Barkeeper die Cola bezahlt haben wollte und drückte ihm drei Euro in die Hand. „Danke“, schnappte sie schnell, drehte sich um und war auch schon im Gewühl der Tanzfläche verschwunden.
Robert stand da wie vom Blitz getroffen. So respektlos hatte ihn schon lange niemand mehr abserviert. Logisch, er hatte ziemlich viel getrunken und war deswegen vielleicht nicht mehr der angenehmste Gesprächspartner. Aber dem besten Kumpels des Freundes so unhöflich zu begegnen war schon eine ausgesprochene Frechheit. Er nahm sich vor, es dieser blöden Tussi zu zeigen und Philip wieder zur männlichen Freiheit zu verhelfen. Nach ein paar Wochen Liebeskummer würde selbst Philip merken, dass er auf so Eine ruhig verzichten kann und er würde Robert aus tiefstem Herzen dankbar sein, dass er ihn von ihr befreite. Laut schlürfend saugte er den Rest seines Cuba libre aus dem Glas, sah noch einmal über die Tanzfläche, erspähte Philip und Jana in inniger Umarmung an der Wand lehnen, hatte jedoch keine Lust mehr sich zu verabschieden und machte sich auf den Weg zum Ausgang.
Es war eine relativ kühle Sommernacht und Robert bereute, dass er keine Jacke mitgenommen hatte. Wenigstens erfrischte ihn die kalte Luft, klärte sein Gehirn und lichtete den Nebel, den der Alkohol wie einen Schleier über seine Augen gelegt hatte. Er musste einen Weg finden, wie er Philip und Jana auseinanderbringen konnte, ohne dass Philip von seiner Intrige Wind bekam. Leicht fröstelnd stand Robert an der Hauptstrasse und wartete auf ein Taxi, welches er heranwinken konnte. Wäre es wärmer gewesen, hätte er sich vielleicht den Spaß gegönnt, zu Fuß nach Hause zu gehen. Das war zwar ein relativ langer Marsch, doch er liebte München bei Nacht: die stillen Schatten zwischen den Gebäuden, die ersten Vögel, die den nahenden Morgen begrüßen. Nur nachts wird die tagsüber so geschäftige Stadt wirklich friedlich und bietet Raum für Entspannung. Für den sonst so realistischen und tatkräftigen Robert waren nächtliche Spaziergänge ein kostbar romantisches Element seines Lebens. Nach zehn endlosen Minuten nahte endlich ein freies Taxi. Robert winkte es heran, stieg ein und nannte dem Fahrer seine Adresse.
Mit einer solchen Reaktion seines Kumpels hatte Philip nicht gerechnet. Jana war Robert so augenscheinlich unsympathisch, dass man die Abneigung, die in der Luft hing, fast körperlich spüren konnte. Den ganzen Abend hatte sich Robert an der Bar herumgedrückt und keine Anstalten gemacht, sich ins Gespräch einzubringen oder wenigstens einmal auf die Tanzfläche zu gehen. Statt dessen hatte er sich darauf beschränkt, im stummen Trotz einen Longdrink nach dem anderen zu vernichten und dämliche Grimassen zu schneiden. Philip war diese Seite an Robert bisher nicht, oder nur nebenbei, aufgefallen. Robert wirkte eigentlich immer souverän und Herr seiner Sinne. Gelegentlich kam es vor, dass er mit seiner oft arrogant wirkenden Art aneckte. Doch der trotzige Rückzug in sich selbst, den Robert heute an den Tag gelegt hatte, konnte Philip beim besten Willen nicht verstehen. Er musste zugeben, dass ihn Roberts Verhalten leicht säuerlich machte. Ja, er war sogar ein wenig beleidigt. Er hatte ihm immerhin nichts getan.
Jana schien die düsteren Gedanken hinter seinen Augen zu bemerken. „Alles o.k. mit Dir?“, erkundigte sie sich und strich ihm liebevoll eine blonde Haarsträhne aus dem Gesicht. „Hmmh“, brummte Philip nur und küsste sie auf die Stirn, „bin nur ein bisschen müde, das ist alles.“ „Tut mir leid, dass der Abend nicht so gelaufen ist, wie Du Dir das vorgestellt hast. Aber vielleicht hat Dein Freund einfach nur einen schlechten Tag erwischt?“ Philip blickte in ihre grünen Augen. Ihr Mitgefühl war absolut ernst gemeint. Er konnte ihr auch schlecht irgendwelche Vorwürfe machen. Etwa, dass sie Robert geschnitten oder ihn zu sehr abgeschirmt hätte. Trotzdem wollte er zumindest ein wenig wütend auf sie sein. Denn egal, aus welchem Grund Robert heute so komisch unterwegs war, sie war auf jeden Fall der Auslöser. „Warum lehnt er Dich nur so kategorisch ab?“ Die Frage war eher rhetorisch, denn an Jana gerichtet. Philips Blick streifte durch den sich langsam leerenden Raum. Ein paar wenige Gäste standen noch verstreut umher, die Musik hatte bereits Konversationslautstärke. Bald würde einer der Türsteher kommen und sie bitten, die Diskothek zu verlassen. Philip sah auf seine Uhr. Es war bereits zehn nach fünf, die ersten Busse und U-Bahnen fuhren also schon wieder. Robert war bestimmt mit dem Taxi nach Hause gefahren. Es wurmte ihn gewaltig, dass er es nicht für nötig gehalten hatte, sich wenigstens zu verabschieden.
„Er ist wahrscheinlich einfach nur ein wenig eifersüchtig, weil sein bester Kumpel nun in festen Händen ist, während er die Richtige noch nicht gefunden hat.“ Wie selbstverständlich sie annahm, dass sie die Richtige für ihn sei. Er blinzelte sie verliebt und gleichzeitig traurig an. Durch das Tanzen und Schwitzen war ihre Schminke ein wenig verwischt und im Winkel ihres rechten Auges sammelte sich Kayal. Sie sah aus wie eine verruchte Madonna. Philip versuchte, sie sich mit dem typischen, blauen Marien-Schleier und einem Kind auf dem Arm vorzustellen, ähnlich wie im Madonna-Video „Like a Virgin“. Er legte ihr zärtlich seine linke Hand auf die Wange und strich mit dem Daumen die Wimperntusche aus dem Auge. Lächelnd blickte Jana auf. „Jetzt bin ich bestimmt total verschmiert oder? Philip konnte nicht leugnen, dass er mit seiner Aktion ihr Erscheinungsbild durchaus nicht zum Besseren geändert hatte und nickte. „Zuhause spiele ich Deinen Maskenbildner und schminke Dich ab. Versprochen!“ „Oh, ich glaube da fällt mir etwas besseres ein“, blitzte sie ihn an und strich mit der Hand verführerisch über seine Brust. Für diesen Moment war Robert in die Nebel der Vergessenheit entschwunden.
Verfasst am 17.03.2004 16:39:48 Uhr Darum bombe, wer sich berufen fühlt?!
Es waren die stummen Zeugen, die in Madrid eine deutliche Botschaft überbrachten. Apathie, Verzweiflung und Blut. Geplatzte Trommelfelle und Sprachlosigkeit. Augen, die ihr eigenes Entsetzen wie im Spiegel gesehen hatten. Und Münder, die es nicht auszusprechen wagten. Dumpfheit, Leere, Niedergeschlagenheit.
Ebenso leise, wie sie den Zorn des islamistischen Terrors erduldeten, trugen die Spanier nun einen Traum zu Grabe. Es war nicht ihr Traum. Gott bewahre! Es war ein Traum, der zu träumen vielleicht nicht wert gewesen war. Doch welche Wahl war ihnen schon gegeben?
Der Traum, dem Terror mit Härte begegnen zu können… zerplatzt wie eine Seifenblase. Gescheitert daran, dass eine funktionierende Zivilgesellschaft in einer funktionierenden Demokratie Gewalt nicht ertragen kann. „Demokratischer Friede“ nennen das die Liberalismusforscher; Neokantianer, die diese Theorie auf Kant’s Gedanken zum „ewigen Frieden“ stützen. Doch wie klein werden die Worte Zivilgesellschaft und Demokratie gegenüber der hyperpotenten Bedeutung des Funktionierens? Was hilft uns die hohle Schale der Demokratie, wenn wir bei unseren Regenten nicht gehört werden? Oder anders gesagt: was hilft uns die Demokratie, wenn sie nur alle vier Jahre funktioniert? Ist das überhaupt noch Demokratie? Und wo ist die Zivilgesellschaft, wenn sie sich nicht durchsetzen kann? Wenn sie, wie im Falle von Spanien und Großbritannien, nicht verhindern kann, dass sich die Regierenden über den Willen des Volkes hinwegsetzen und in einen sinnlosen Krieg ziehen?
Islamistische Fanatiker haben das spanische Volk für die Haltung seiner Regierung bestraft. Und dieses hat die Strafe direkt an seine Machthaber weitergegeben. Das sollte eigentlich nur gerecht sein. Doch fern von satter, zufriedener Genugtuung bleibt lediglich eine fette klebrige Agonie der Benommenheit, das beschleichende Gefühl der Erkenntnis einer noch viel schlimmeren Wahrheit. Die Amerikaner haben diese Wahrheit sofort erkannt. Im selbsternannten Mutterland der Terrorbekämpfung herrscht der blanke Schrecken ob der Ergebnisse der spanischen Parlamentswahlen. Wird die Politik nun doch erpressbar? Wird der Erfolg des Terrors nun auch politisch messbar? Was bleibt vom Gewaltmonopol des Staates, wenn sich seine Bürger dem Diktat des Terrors beugen? Kann man, angesichts der heute universalen Entgrenzung von Wirtschaft, Politik, Macht und Gewalt, überhaupt noch vom Staatsbürger reden?
„Politische Stellung und politischen Einfluss habe ich nie gehabt und nie erstrebt; aber in meinem innersten Wesen, und ich meine, mit dem Besten was in mir ist, bin ich stets ein animal politicum gewesen und wünschte ein Bürger zu sein. Das ist nicht möglich in unserer Nation, bei der der Einzelne, auch der Beste über den Dienst im Gliede und den politischen Fetischismus nicht hinauskommt.“ Diese berühmten Worte aus dem 1899 verfassten Testament des deutschen Historikers Theodor Mommsen veranschaulichen nur allzu sehr die Misere, der sich der spanische Wähler ausgesetzt sehen musste. Gefangen im Wunschdenken. Der spanische Bürger wünschte ein Bürger zu sein. Das Richtige zu tun. Doch was war das Richtige? Dem Wunsch nach Sicherheit nachzugeben? Nach Frieden? Dass man im Wahlergebnis nicht die Wut gegen Aznars Politik gespürt hat, hinterlässt zusätzlich einen bitteren Beigeschmack. Resignation und Rückzug schienen diese Wahl geleitet zu haben, nicht Aufbruch und Hoffnung.
Die Islamisten haben einen Sieg errungen, der weitgreifender und schrecklicher ist, als jeder vorhergehende. Nach nunmehr zweieinhalb Jahren seit dem 11. September 2001 haben sie es zum ersten Mal geschafft ein Land, ein Volk in die Knie zu zwingen und ihm ihren politischen Willen aufzuzwingen. Bei aller Freude über die „Rückkehr“ Spaniens zu den Werten der Aufklärung sollte im „alten“ Europa deshalb keine Euphorie aufkommen. Europa wird diesen Erfolg der Islamisten nur dann in einen Phyrrussieg umwandeln können, wenn das Votum der Spanier in seiner ganzen Bedeutung erkannt und ernst genommen wird. Das spanische Wahlergebnis war ein Bekenntnis für den Frieden. Europa wird nun ein Bekenntnis seiner eigenen Identität ablegen müssen. Seiner in den letzten fünfzig Jahren gewonnenen Identität. Einer Identität, die nicht lediglich eine des Friedens ist und erst recht nicht nur auf einer gemeinsamen Verfassung beruht.
Europa ist keine Selbstverständlichkeit. Europa ist ein Wunsch. Der politische Wille Grenzen zu überbrücken, Frieden zu schaffen und schließlich eine Einheit zu bilden, das war bisher die Identität des europäischen Gedankens und sollte es nach all dem legalistischen Gerangel der jüngeren Vergangenheit auch wieder sein. Denn es gehört sehr viel Mut dazu, diesen politischen Willen gegen alle Widrigkeiten durchzusetzen. Viel mehr Mut, als sich gegen jede Bedrohung abzuschotten. Diesen Mut hat der spanische Wähler bewiesen. Mut, der trügerischen Sicherheit der Gewalt zu widersprechen. Mut, das Risiko des richtigen Wegs einzugehen. Darum bombe, wer sich berufen fühlt. Wer den Frieden vor Augen hat lässt sich nicht einschüchtern.
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